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5. Rundbrief von Ruth Schulze aus Costa Rica

Hallo meine Lieben im schönen Deutschland  

Mal wieder ist es Zeit, eine tolle Rundmail von mir zu bekommen. Ich hoffe, euch geht es allen gut und ihr genießt die inzwischen etwas wärmeren Temperaturen des deutschen Frühlings?!  Das ist schon wirklich ein Privileg 4 Jahreszeiten zu haben; … wenn ich ehrlich bin, fehlt mir das hier im tollen Costa Rica doch etwas. Dennoch genieße ich die wirklich zur Zeit sehr heißen (36 °C) Temperaturen.

Ende Februar/ Anfang März war ich 5 Tage mit 25 weiteren deutschen Voluntären von verschiedenen Organisationen (EED, Brot für die Welt, Mission eine Welt, Rheinische Kirche, …) aus Costa Rica, Nicaragua und Cuba auf dem von Weltwärts vorgeschriebenen Zwischenseminar in Puerto Viejo de Sarapiquí. Es waren sehr schöne, auch manchmal sehr anstrengende Tage mit vollem Programm und wirklich guter Gemeinschaft. Wir haben unseren bisherigen Aufenthalt mit allem drum und dran (Problemen, Heimweh, Freuden, Eingewöhnung, neue und alte Beziehungen, Sprache, Arbeitsstelle, Wohnplatz und bevorstehende Heimkehr … ) analysiert, besprochen und unter die Lupe genommen. Wir haben viele Diskussionen und Gespräche geführt, wirklich viel dazu gelernt (auch Tanzschritte, wir hatten nämlich Tanzkurs ) und uns ab und zu im Pool erfrischt (vor allem abends nach dem Tanzkurs :D).

Ein großes Thema des Seminars war die Entwicklungspolitik im Bezug auf Massenproduktionen und deren Auswirkungen auf die Natur und die betroffenen Menschen. Dazu haben wir eine Ananas Finca besucht, die 15 Hectar Ananas Anbau betreibt. Diese Finca exportiert „frische“ und getrocknete Ananas in die ganze Welt hinaus, auch nach Deutschland. Die Arbeiter dieser Finca müssen in Rekordzeit arbeiten, denn sie werden nach der Menge, die sie z. B. verpacken, bezahlt. In der Hochsaison müssen sie an die 10 – 15 Stunden arbeiten. Durch das chemische Spritzmittel, das für die Ananas verwendet wird, wurden etliche Flüsse und das Trinkwasser der umliegenden Dörfer vergiftet, so dass die Einwohner dieser Dörfer krank wurden und immer noch werden (z. B. Unfruchtbarkeit). Wöchentlich kommt ein Tankwagen und versorgt die Menschen mit Trinkwasser, das aber sehr knapp bemessen ist. Außerdem müssen sich die Leute weiterhin mit dem vergifteten Wasser duschen und waschen. Es gibt sogar eine Mindestabstandsregel von 200 m zwischen Feld und Trinkwasserquelle, doch diese wird mit ca. 50 m Abstand zur Quelle missachtet. Das chemische Spritzmittel wird weiterhin verwendet und die Schuldigen Fincabesitzer müssen für den Schaden nicht aufkommen, sondern die Trinkwasserversorgung wird vom Staat finanziert. Auf der Finca wurde uns erzählt, dass die Ananaspflanzen nach der Ernte untergepflügt werden, doch das ist unwahr, wie wir später erfuhren. Es wird nur die Spitze der Ananaspflanze abgeschnitten. Dadurch siedelt sich eine bestimmte Fliegenart in der stehengebliebenen Pflanze an, die wiederum Kühe, der umliegenden Dörfer angreift und krankmacht.

Wir durften mit sehr netten Menschen von einer Gewerkschaft reden, die meistens leider selbst betroffen sind und die für eine bessere Welt und ums Überleben kämpfen. Sie erzählten uns auch, dass viele Betroffenen selbst in so einer Finca arbeiten müssen, auch sagten sie uns, dass die Fincabesitzer sogar Jemanden erschossen haben, nur weil er versucht hat, eine Ananas zu stehlen. Wir besuchten die betroffenen Dörfer, sahen die Fliegenfangen und sprachen mit der Frau, die den Kampf dagegen angefangen hat. Es war sehr bewegend und zugleich extrem mitnehmend, aber auch beeindruckend, wie die Menschen ohne Unterlass weiterkämpfen.

Doch wir haben gesehen, dass es auch anders geht: Denn wir durften einer Organischen Finca mit wirklichen Bioprodukten einen Besuch abstatten. Der Fincabesitzer hat uns alles erklärt, uns viele Früchte gezeigt und nicht nur gezeigt, sondern uns ganz viele zum probieren gegeben und eigentlich konnte man auch so gut wie fast alles essen, was es auf seiner Finca gab – von Blättern zu Baumstielen hin zu Früchten – … Natur Pur… !!! Die Atmosphäre war wirklich sehr schön!! So schön, dass sich dort auch einige Frösche entdecken ließen, so auch der Costa Ricanische Nationalfrosch, der mir sogar auf die Schulter gesprungen ist.

In Zukunft heißt es wohl, (auch wenn es sehr schwer fällt) dass wir am Besten auf Ananas oder andere Südfrüchte verzichten sollten und darauf achten, vor allem Obst und Gemüse aus der Region zu kaufen.

Direkt nach dem Zwischenseminar konnte ich seit langem meinen Bruder Johannes aus Deutschland in die Arme schließen, denn er besuchte mich für ca. 2 ½ Wochen. Es war ein wirklich schönes Gefühl einen Teil meiner Familie hierzuhaben. Ich konnte ihm meine Gastfamilie, meine Arbeit, meine Kinder, San José und das schöne Land Costa Rica zeigen. Er hat mit einem Freund nicht nur Costa Rica, sondern auch Nicaragua erkundet, womit er mir jetzt wohl einen Schritt voraus ist. Zusammen mit Aileen waren wir bei ihrer Familie in Nicoya und mit ihr am Strand. Es waren sehr schöne gemeinsame Tage!!

Am Aschermittwoch hat die Passionszeit angefangen, wie in Deutschland, so auch hier in Costa Rica. Ich habe meine Gastmutter und Gastschwester in die katholische Aschermittwochsmesse begleitet und so mal einen für mich wohl sehr ungewohnten Gottesdienst von 2 ½ Stunden miterlebt. Die Kirche war proppenvoll (es waren auch Hunde zu Gast) und vor lauter Weihrauch musste ich manchmal durch meinen Pullover atmen. Es war aber ein sehr schöner Gottesdienst und man hat als Zeichen für das Leiden Christi ein Kreuz mit der Asche von den Palmzweigen des letzten Jahres auf die Stirn gemalt bekommen, außerdem präsentiert dieses Kreuz den Beginn der Passionszeit; und dient als Erinnerung für die Gläubigen, dass wir nicht von dieser Welt sind, sondern zu einer besseren Welt, die Gott für uns vorbereitet hat, gehören. Ich dachte eigentlich, dass wäre ein typischer Brauch für Costa Rica, als ich das dann aber meiner Mama in Deutschland erzählt habe, meinte sie, dass sie das schon von den Katholiken aus dem Rheinland kennen würde. 

Eine traurige Nachricht aus meiner Arbeitsstelle muss ich euch leider vermelden; denn die Mutter von Don Luis ist am 18. März nach langem Leiden verstorben.

Im ACJ geht es drunter und drüber, rauf und runter, rechts - links durch die Mitte durch ;)! Kinder sind keine Maschinen, Kinder haben Launen, Gefühle und Emotionen. So ist jeder Tag immer ein kleines Abenteuer mit meinen Kindern. Ich habe sie sehr in mein Herz geschlossen, auch wenn ich sie manchmal wirklich sehr gerne zum Mond schießen würde.  Oft fehlt ihnen Respekt, Achtung und Gehorsam. Aber ohne Frage sie sind extrem wertvoll und liebenswert. Der neue Plan, von dem ich euch in der letzten Rundmail berichtet habe, klappt mal besser und mal schlechter. Englisch lernen fällt ihnen wirklich sehr schwer, vor allem verstehen sie nicht, dass das Geschriebene und das Gesprochene für sie so überhaupt nicht miteinander übereinstimmt. Aber wenn sie dann mal dabei sind, haben sie Freude eine neue Sprache zu lernen!! 

Eine neue beliebte Beschäftigung der älteren Kinder ist Schach spielen. Sie lernen das sehr schnell, haben viel Spaß dabei und versuchen meistens sogar nach den Regeln zu spielen. Von der Schule, die die Kinder besuchen, bin ich gar nicht begeistert, die Kids haben meistens 1-2 Mal wöchentlich gar keine Schule, weil die Lehrerin anderweitig beschäftigt ist.

Bei den Kleinen Kindern heißt es laufen und sprechen lernen und vor allem auch Namen lernen, so höre ich immer häufiger aus den Mündern der Allerkleinsten ein „Huuuut“ für „Ruth“. Andrew, der Zweitkleinste, hat seine sonst liebevolle Umarmung nun in einen lauten Schmatz umgewandelt, und so wird man nun immer mit einem feuchten „Besito“ aufs Bäckchen begrüßt. Mit den Erstklässlern muss Schreiben, Lesen und andere Dinge geübt und gelernt werden.

Ich finde es wahnsinnig beeindruckend, die Entwicklung von meinen Kindern hier in der Ana Frank Tagesstätte mitzuerleben und daran teilhaben zu dürfen.

An einem der vergangenen Sonntagen war das Gallo Pinto Festival (Gallo Pinto = Costa Ricanisches Nationalgericht, wird zu allen Tageszeiten gegessen und besteht aus gebratenen Bohnen mit Reis und Zwiebeln.). Bei diesem Fest wurde eine ganze Straße lang Gallo Pinto in Massen verschenkt (die Schlangen waren auch dementsprechend!!). Außerdem gab es andere Dinge zu gewinnen, zu bekommen, zu kaufen oder zu machen. Ich muss sagen, die Ticos verschenken bei Aktivitäten immer extrem viel, aber gleichzeitig, wenn es etwas umsonst gibt, wird auch ordentlich eingepackt und das schamlos mit Tüte. (Auch wenn man die Shampooprobe schon 3x hat, das macht nichts!) Danach gab es im Park daneben noch ein großes Open Air Konzert.

Mit der Sprache komme ich wirklich gut klar, so gut, dass ich schon auf Spanisch träume und laut meiner Gastschwester sogar im Schlaf auf Spanisch rede. 

Costa Rica ist seit Kurzem stolzer Besitzer eines Nationalstadions. (China hat das Stadion Costa Rica geschenkt). Die Ticos freuen sich sehr daran und es werden richtig viele Aktionen, Konzerte, Fussballspiele und andere Aktivitäten veranstaltet. Costa Rica hat gegen China 1:1 gespielt und gegen Argentinien 0:0!!! Die Zeitungen schrieben am Tag danach, Messi hat zwar nicht gespielt (er und die besten Spieler Argentiniens saßen auf der Bank und die Ticos hätten ihn wirklich sehr gerne spielen gesehen…), aber der Stern des Abends war der Costa Ricanische Torwart, der wirklich 1 A war!!! Am 2. April kam auch ich in die große Ehre das Nationalstadion kennenzulernen, denn ich war auf dem BeatBellFestival von 26 Nationalen Musikgruppen. Sowohl das Stadion als auch die 10 Stunden Costa Ricanische Musik hat mich tief beeindruckt. „Oleoleoleoleeee Ticooooo, Ticooo“ 

Meine Eltern sind seit dem 4. April in Costa Rica, darüber freu ich mich wahnsinnig arg!! Ich konnte ihnen San José, den ACJ und vieles mehr zeigen. Mein HeimatCVJM Kasendorf hat den Kids und dem ACJ Costa Rica mit einer Spieletasche einen Gruß übermittelt, wo auch ein Indiacer (typisch CVJM) und einige andere Sachen dabei waren. An dieser Stelle ein Herzliches Dankeschön an die Kasendorfer, die Kinder sind hellauf begeistert von den Spielen! Vielen Dank! Mein Vater war dann erstmal schwer im Einsatz beim Indiacerspielen mit den Kindern. Auch konnte ich meinen Eltern meine Gastfamilie vorstellen und sie haben gesehen, wie und wo ich lebe und arbeite!! Ansonsten gab es ein Wiedersehen mit Aileen, Museentour und einen Ausflug auf eine Finca mit dem Freund meiner Gastschwester. Im Moment sind sie eigenständig in Costa Rica unterwegs und erkunden das schöne Land. Die Woche vor Ostern hab ich frei und wir werden mit Aileen zusammen nach Montezuma und zu Aileens Familie nach Hause fahren. Da freu ich mich schon sehr drauf!!

Vom 9. April bis zum 11. April war ein verlängertes Wochenende, das ich gleich genutzt habe, um mit meiner Mitvoluntärin Jaci nach Monteverde zu fahren. Dort die Landschaft zu bestaunen, den tropischen Nebelwald zu durchwandern und an einem Seil über den Urwald zu fliegen (auch genannt Canopy). Ich war schwer beeindruckt und bin immer noch hin und weg!!

So, das erstmal von eurer Ruth

Frohe Ostern und viel Glück beim Osternest suchen.

 

Vielen, vielen Dank für eure beständigen Gebete für meine Kinder, für das Projekt, für das Land, für die Menschen und für mich. Ich merke jeden Tag, dass Gott ganz nah bei mir ist! Danke für eure wirklich großzügigen Spenden!!

PS: Ich hab einen Blog: www.free-blog.in/RuthinCostaRica und unter www.kirche-kasendorf.de kann man Informationen und Kontakt finden.

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