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1. Rundbrief von Nora aus Costa Rica

 Meine Lieben,

kaum zu glauben,Nora 1 aber ich bin tatsächlich schon seit einem Monat in Costa Rica! Die Zeit verging wie im Flug, ich kann also sagen, dass es mir hier richtig gut geht und ich mich sehr wohl fühle. Aber der Reihe nach.

Am 4. September habe ich mich auf die 16-stündige Reise begeben und bin ohne weitere Vorkommnisse am nächsten Morgen in der Hauptstadt San José gelandet. Dort wurde ich bereits herzlich empfangen von meinem Chef Don Luis und zwei Deutschen, Hanna und Miriam. Hanna wird mit mir gemeinsam ein Jahr in Costa Rica verbringen, während Miriam bereits im Dezember wieder abreisen wird.

Ich wohne nicht direkt in San José, sondern in einem Vorort, wo sich auch das Centro Infantil Ana Frank der ACJ (CVJM) befindet. Untergebracht bin ich in einer sehr netten Familie, die mich herzlich in ihre Mitte aufgenommen hat. Ich habe hier ein eigenes Zimmer, in dem ich mich wohlfühle und unser Haus ist schon richtig mein Zuhause geworden. Praktischerweise wohne ich nur drei Minuten von meiner Arbeitsstelle entfernt, und auch Hanna und Miriam wohnen ganz in meiner Nähe. So können wir immer zusammen zur Arbeit gehen und uns auch ganz spontan gegenseitig besuchen. Die Häuser hier sind meist relativ klein und dicht aneinander gebaut, und alles hier erinnert mich ein wenig daran, wie es in Südafrika in den Städten aussah.

An meinem ersten Tag bin ich auch gleich mitgekommen zu meiner zukünftigen Arbeitsstelle, um schon einmal einen Überblick zu bekommen und mir alles ein wenig anzuschauen. Die Kinder sind nach ihrem Alter in zwei Gruppen eingeteilt: die Kleinen sind etwas ein bis sieben Jahre alt, die Großen maximal elf.

Hanna und ich wechseln wöchentlich die Gruppen. Die Arbeit bei den kleinen Kindern macht mir sehr viel Spaß. Es ist schön, wie sie sich immer freuen, uns zu sehen, und uns „Neue“ gleich in ihr Herz geschlossen haben. Die beiden Erzieherinnen in dieser Gruppe arbeiten nach einem genauen Plan, der Tagesablauf ist richtig durchorganisiert – was aber auch nötig ist bei bis zu 25 Kindern in einem Raum. Sie kümmern sich streng, aber liebevoll um ihre Schützlinge und spielen, malen und basteln nicht nur mit ihnen, sondern bringen ihnen auch viele Dinge bei. Da letzten Monat der Unabhängigkeitstag war, haben sie, auf spielerische Art und Weise, zum Beispiel viel über die Geschichte Costa Ricas gelernt.

Die Arbeit bei den Großen sieht etwas anders aus. Die älteren Kinder sind sehr viel anstrengender als die kleinen, auch wenn sie weniger sind. Die meisten Kinder kommen aus sehr schwierigen familiären Verhältnissen, in denen Alkohol, Drogen und Gewalt oftmals leider eine sehr große Rolle spielen. Die meisten Kinder wohnen auch nicht im Viertel der ACJ, sondern in einem sozial viel schwächeren. Einige Kinder essen beispielsweise nur in der Kindertagesstätte, das heißt sie bekommen das ganze Wochenende über nichts, erst montags wieder in der ACJ. Diese schwierigen Verhältnisse merkt man vor allem den Großen in ihrem Verhalten an. Sie sind oft respektlos, tun nicht, was sie tun sollten und wirken häufig sehr gleichgültig und emotionslos. Ich habe oft den Eindruck, dass sie sich einen sehr dicken Schutzmantel zugelegt haben. Wir regen uns zwar oft darüber auf, wie schlecht die Kinder sich verhalten und wie schwierig es ist, mit ihnen klarzukommen, aber eigentlich können sie einem wirklich leid tun. Was soll ein Kind, das geschlagen wird und dessen Eltern sich gegenseitig schlagen schon anderes lernen, als selbst zuzuschlagen, wenn es nicht weiter weiß. Es sind nun einmal Kinder und die nehmen mit, was ihnen zu Hause vorgelebt wird, da muss man sich nicht mehr wundern. Gleichzeitig entschuldigt das ihr Verhalten natürlich nicht. Es hilft uns aber, es ein bisschen zu verstehen, warum sie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, wenn wir die Familienverhältnisse ein wenig kennen.Erschreckend ist auch, dass ein Junge, der schon neun Jahre alt ist , nicht lesen und kaum schreiben kann. Manchmal wird in der ACJ zwar mit ihm geübt, aber das passiert noch viel zu selten. Ein anderer Junge kann auch nur ganz schlecht lesen, aber wir haben inzwischen herausgefunden, dass es daran liegt, dass er nicht gut sieht und eigentlich eine Brille braucht. Seine Mutter kann ihm allerdings keine kaufen, weil dazu das Geld fehlt. Da ist schon vorprogrammiert, dass er in der Schule auf Dauer wohl kaum mitkommen wird.

Es ist oft schwer, die Kinder von etwas zu begeistern, leider haben sie sehr viel Gefallen daran gefunden, Computer zu spielen und wollen dies am liebsten den ganzen Tag tun. Da muss man dann seine Idee manchmal einfach durchsetzen, auch wenn sie sagen, sie wollen das nicht machen, dann haben sie oft doch sehr viel Spaß daran. Vor kurzem haben wir zum Beispiel angefangen, Armbänder mit ihnen zu knüpfen. Am Anfang waren es nur einige Mädchen, die mitmachen wollten und sie haben sich erst recht schwer damit getan, viele wollten gleich wieder aufgeben. Doch nach und nach haben sie es sehr gut gelernt und inzwischen ist die ganze Gruppe ganz scharf darauf, immer mehr Armbänder zu machen. Es war sehr schön zu sehen, wie dann auch diejenigen Kinder, die es schon konnten, den anderen geholfen und die Technik erklärt haben, weil Hanna und ich nicht mehr hinterher gekommen sind. Die Arbeit mit den Großen ist zwar sehr schwierig, wir können uns nur schwer durchsetzen und sie hören leider nur selten auf uns, aber bei ihnen merkt man gleichzeitig sehr deutlich, dass unsere Arbeit wichtig ist. Ohne uns wären sie die meiste Zeit unbeschäftigt oder würden nur Computer spielen, da die Hauptverantwortliche leider nicht so einen Plan liefert, wie es ihn bei den Kleinen gibt – sämtliche Spiel- und Bastelideen werden also gerne entgegen genommen. ;-) So respektlos und anstrengend sie auch sind, merkt man sehr oft, dass sie ein wahnsinniges Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit haben: Oft kommen sie auf einen zu und umarmen einen und kuscheln. Auch wenn das im nächsten Moment gleich wieder umschlagen kann, wird doch deutlich, dass ihnen das zu Hause vielleicht nicht entgegengebracht wird.

 Mit meiner Mitvolontärin Hanna und auch mit Miriam, die schon seit drei Monaten hier ist, verstehe ich mich sehr gut. Wir verbringen viel Zeit miteinander, fahren in die Stadt und unternehmen etwas zusammen. Für Hanna und mich ist es toll, dass Miriam schon seit Juni hier ist, so kann sie uns einiges zeigen, angefangen beim Busfahren – das will hier erst gelernt sein. ;-) Insgesamt wurden wir hier sehr herzlich überall willkommen geheißen. Auch in der Gruppe der voluntarios. Das sind einige Jugendliche, die ehrenamtlich in der ACJ mitarbeiten und sich einmal in der Woche treffen. Bei diesen Treffen werden wir automatisch mit integriert. Das ist sehr schön für uns, weil wir so sofort auch den Kontakt zu gleichaltrigen Einheimischen gefunden haben. Alle sind hier sehr aufgeschlossen und interessiert uns gegenüber, sie reden gerne mit uns und sind auch sehr geduldig, wenn wir mal etwas nicht verstehen. Das ist wirklich total viel wert, dass wir hier gleich so ein soziales Netzwerk „mitgeliefert“ bekommen. Jeden Dienstag geben wir einigen der voluntarios auch Deutschunterricht. Das haben bereits unsere Vorgängerinnen Ruth und Jaci angefangen und wir geben unser Bestes, diesen Unterricht fortzuführen. Dabei lernen wir auch gleichzeitig noch sehr viele Wörter auf Spanisch. ;-) Ich muss sagen, ich war sehr überrascht, wie interessiert die voluntarios an Deutschland und der deutschen Sprache sind. Manche sind wirklich in jeder Deutschstunde anwesend, obwohl das Ganze freiwillig und eben auch in ihrer Freizeit ist. Da aber seit diesem Jahr immer ein Freiwilliger aus Costa Rica nach Deutschland kommen kann, ist ihre Motivation, unsere Sprache zu lernen sehr groß.

Vergangenes Wochenende sind wir das erste Mal an den Strand gefahren: An die Pazifikküste nach Jacó. Das war ein sehr schönes Erlebnis, wir hatten viel Spaß, sehr viel Sonne und wunderbare Wellen. :-) Bei dem Städtchen Jacó merkt man allerdings sehr stark, dass es von den Amerikanern sehr überlaufen ist: Wir wurden überall gleich auf Englisch angesprochen, weil man uns natürlich ansieht, dass wir keine Einheimischen sind, und selbst wann man etwas auf Spanisch fragt, haben wir oft eine englische Antwort bekommen. Zum Teil wollte man uns auch das Rückgeld in Dollars geben, weil sie wohl dachten, das wäre praktischer für uns. Man merkt auch gleich den Unterschied zwischen dem touristischen Gebiet und der Umgebung, in der ich wohne: Alles ist sehr viel sauberer und gepflegter, es gibt weniger Löcher in Straßen und Gehwegen... eben einfach alles auf die amerikanischen Touristen angepasst. Das alles kann der Schönheit der Landschaft aber nichts abtun. Strahlend blaues Wasser, ein Strand mit schwarzem Sand und im Hintergrund ein Berg voller Palmen – da lässt es sich schon wohlfühlen. ;-)

Soweit mal von mir und meinem neuen Leben in Costa Rica. Ich freue mich immer über Nachrichten von euch allen, um zu erfahren wie es euch geht und was zu Hause so passiert!

Un abrazo,

eure Nora

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